Hebr. 4,13-16
13 Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.
14 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.
15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.
16 Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.
Wir haben einen großen Hohenpriester
Liebe Gemeinde,
Unsere Verlobungsreise führte uns nach Israel. An ei-nem der ersten Abende lösten wir uns von der Reise-gruppe, um noch ein wenig am Meer spazieren zu gehen. Es war sehr romantisch: Mondlicht, Meeresrauschen, weicher Sand, ganz allein. An einer Stelle, wo wir uns völlig unbeobachtet fühlten, blieben wir stehen und küssten uns. Aber dann war es schlagartig aus mit jeder Romantik. Es wurde taghell. Ein starker Suchscheinwerfer wurde auf uns gerichtet. Wir schreckten auf und sahen in einiger Entfernung ein Militärfahrzeug, von dem aus der nächtliche Strand abgeleuchtet wurde. Bei Tag stellten wird dann fest, dass wir bei unserem nächtlichen Spaziergang versehentlich militärisches Gelände betreten hatten.
Wie ein heller Scheinwerfer leuchtet Gottes Wort jetzt in unser Leben hinein und schreckt jeden auf, der zu hören bekommt: „Kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.“
Keiner kann sich vor Gott verstecken. Gottes Such-scheinwerfer entdecken uns selbst in den dunkelsten Ecken. Wir alle spielen mit bei „Big brother“. Wir leben in unserer Containerwelt und an jedem Ort, an dem wir uns befinden sind Kameras, die an himmlischen Monitoren überwacht werden. Die Signale unseres Gehirns werden alle erfasst, aufgezeichnet und ausgewer-tet. Kein einziger Gedanke bleibt Gott verborgen. Die Motive unseres Handelns werden erforscht und messerscharf analysiert.
Ständig laufen die Computer da oben. Ständig wird unser ganzes Leben mit allen Einzelheiten auf einer gigantischen himmlischen Festplatte aufgezeichnet und festgehalten. Das Ergebnis könnte so aussehen, wie es Jesus einmal beschreibt: „Von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen heraus böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unvernunft“ (Mk. 7,21f).
David hat es selbst erlebt, wie ihn dieser Scheinwerfer Gottes getroffen hat, als der Prophet Nathan zu ihm kam. Der erzählte ihm eine schlimme Geschichte und nach einer Pause ging er zum Angriff über und sagte: „Du bist der Mann“ (2. Sa. 12,7). „Das ist deine Geschichte. Du bist schuldig. Du hast das alles getan.“ Die Kulisse der Anständigkeit und Rechtschaffenheit brach nun auf einen Schlag zusammen. David betet: „Herr du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest“ (Ps. 139,1-4).
Für jeden Menschen kommt der Tag, wo er vor Gott Re-chenschaft ablegen muss. Nicht der Schuldanteil des anderen interessiert dann. Auch nicht das, was andere dir angetan haben. Im Gericht Gottes kommt deine Akte auf den Tisch. Da wird dein Leben verhandelt. Da musst du für dich selbst Rechenschaft ablegen.
Jedes Ablenkungsmanöver ist ausgeschlossen, jeder Erklärungsversuch schlägt fehl. Es geht dann um deine Hartherzigkeit, deine Uneinsichtigkeit, deinen Starrsinn, deine Sturheit, deine Ignoranz, deine Lieblosigkeit, deine Engherzigkeit und deinen geistlichen Stillstand.
Die große Frage nach dem Warum steht dann im Raum: „Warum hast du so gedacht? Warum hast du das gesagt? Warum hast du das getan? Warum?“ Auf tausend Fragen werden wir keine einzige Antwort haben.
Wir haben keine Chance. Wir haben ein echtes Problem. Wir brauchen einen, der für uns eintritt. Wir brauchen einen, der uns beisteht.
Die Antwort des Hebräerbriefes heißt: „Wir brauchen einen Hohenpriester.“ Und auf einmal hören wir jubelnde Begeisterung. „Wir haben einen großen Hohenpriester.“ „Halleluja, gelobt sei Gott! Wir haben einen großen Hohenpriester.“ Und dann folgt die Beschreibung von dem, was dieser große Hohepriester tut und was das für Konsequenzen für uns hat.
1. Wir haben einen großen Hohenpriester.
Er hat die Himmel durchschritten
Der Tempel in Jerusalem war in verschiedene Bezirke gegliedert. Außerhalb der Tempelmauern war der unheilige Bereich.
Wer den Tempelbereich betrat, konnte sich durch sieben Sicherheitszonen hinweg dem heiligen Gott nähern. Er kam durch den Vorhof der Heiden in den Vorhof der Frauen. Von dort in den Vorhof der Männer, dann in den Vorhof der Priester. Dann in das Heiligtum des Tempels, von dort in das Allerheiligste und schließlich zur Bundeslade, dem Ort, an dem Gott der konzentrierten Gegenwart Gottes.
Das Allerheiligste war die Hochsicherheitszone. Nur der Hohepriester durfte einmal im Jahr, verbunden mit ganz besonderen Vorkehrungen diesen Bereich betreten. Wenn Unbefugte ins Allerheiligste vordrangen, drohte Lebensgefahr.
Am Jom Kippur, dem großen Versöhnungstag, der einmal im Jahr stattfand, versammelten sich die Menschen vor dem Tempel. Es wurden zwei Ziegenböcke vorgeführt. Der erste Ziegenbock wurde vor den Augen des Volkes geschlachtet. Dann nahm der Hohepriester das Blut des Bockes und ging damit durch den Tempel ins Allerheiligste. Mit seiner Hand besprengte er die Bundeslade im Allerheiligsten mit Blut. Danach legte er seine Hand auf den Kopf des zweiten Ziegenbockes. Mit lauter Stimme bekannte er öffentlich die Sünden des Volkes und übertrug sie auf das Tier. Dann wurde dieser Sündenbock in die Wüste gebracht. Die Sünde wurde förmlich „zum Teufel gejagt“.
Jetzt wird Jesus Christus mit dem Hohenpriester am großen Versöhnungstag verglichen. Er ist der große Hohepriester. Wörtlich: Der Mega-Hohepriester. Wir lesen: „Wir haben einen großen Hohenpriester, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat.“
Als er für die Sünden der ganzen Welt am Kreuz starb, wurde er zum Sündenbock der ganzen Welt abgestempelt. Er war aber nicht nur Opfer, sondern zugleich der Hohe-priester, der sein Opfer Gott darbrachte.
Jesus ist auferstanden. Dann kehrte er zurück zu seinem Vater in den Himmel. Ähnlich wie der Hohepriester im Tempel, hat er dann die verschiedenen Bereiche der un-sichtbaren Welt durchschritten, bis er schließlich zum Zentrum des Himmels, zum Allerheiligsten, zum Thronsaal Gottes kam. Dort setzte er sich zur Rechten seines Vaters auf den Thron. Aller Mächte der unsichtbaren Welt standen Spalier und huldigten dem großen König und Priester des Universums, Jesus Christus.
Als äußeres Symbol für dieses gewaltige Ereignis zerriss im Tempel der Vorhang, der das Allerheiligste vom Heiligtum trennte. Seitdem ist der Weg frei. Menschen haben Zugang zum Thron des heiligen Gottes. Jesus hat den Weg freigemacht zu Gott.
Was ist die Konsequenz? Sie heißt: „So lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.“ „Das Bekenntnis festhalten“ bedeutet: Wir müssen die neu geistliche Realität erkennen und von den neuen Verhältnissen ausgehen.
Wir müssen sehen, was wir jetzt, nachdem der Weg zum Himmel frei ist, alles haben. Paulus malt uns das zum Beispiel im Epheserbrief aus. In Jesus haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden. Wir haben den Reichtum seiner Gnade. Wir kennen Gottes Willen, wir sind Erben Gottes. Wir haben den Heiligen Geist, den uns niemand mehr nehmen kann (vgl. Eph. 1,7ff).
Bei unserem Umzug nach Hohenhaslach kam vieles zu Tage, was längst in Vergessenheit geraten war. Ein wahrer Schatz an Arbeitsmitteln und Anschauungsmitteln für die Gemeindearbeit zum Beispiel. Die Chance bestand, den ganzen Reichtum zu sichten und zu ordnen und in eine Liste einzutragen.
Vielleicht nehmen Sie einfach einmal die Bibel zur Hand und machen sie so eine Liste. Schreiben sie sich alles auf, was wir in Christus alles haben.
Die Liste ist das eine. Sie ist wichtig. Aber durch die Existenz einer solchen Liste wissen wir noch nicht automatisch mit welchen Möglichkeiten ich arbeiten kann. Es muss auch zu einer Bewusstseinsänderung kommen. Sie müssen immer präsent haben, welche Möglichkeiten da sind und wie und wo sie das, was sie haben, einsetzen können.
Nun leben wir in einer Zeit, wo die Gefahr groß ist, dass uns vieles wieder verlorengeht, was einmal fest in unserem eigenen Besitz war. Jörg Swoboda drückt das in einem seiner Lieder so aus: „Wo feststeht, dass alles im Fluss ist, schwimmt vielen der Glaube mit fort.“
Zwei meiner Töchter haben mir einmal begeistert von ei-ner Kanufahrt der Gemeindejugend erzählt. Bei dieser Fahrt auf dem Neckar kam es mehrmals vor, dass die Boote kenterten. Aber die Paddler hatten vorgesorgt. Einige Gegenstände waren ans Boot festgebunden. Andere hatten sie geschickt in schwimmfähige Beutel eingepackt. Nach dem Kentern war es auf diese Weise möglich, alle Habseligkeiten wieder einzusammeln. Das ist es wohl, was Jesus betont: „So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest und tue Buße“ (Offb. 3,3). Wenn du kenterst und es dir das „Boot deines Glauben“ umdreht, dann ist es wichtig, alles wieder einzusammeln und dann fröhlich weiterzufahren!
Wir haben einen großen Hohenpriester.
Er hat die Himmel durchschritten
2. Wir haben einen großen Hohenpriester.
Er wurde versucht wie wir, doch ohne Sünde.
Jesus blieb nicht auf Distanz. Er wurde Mensch. Der Außerirdische wurde irdisch. Die beiden Worte „wie wir“ stechen hervor. In allem ist er uns ähnlich geworden. „Er wurde versucht wie wir, doch ohne Sünde.“
Er wurde ganz arm geboren, schon als Säugling auf einen Esel gepackt auf die Flucht mitgenommen. Später wurde er von seinen Eltern und Geschwistern verkannt und von seinen Dorfgenossen ausgestoßen. Er wurde müde, litt Hunger und Durst, wurde traurig und hatte Angst. Es gibt keinen Schmerz und keine Qual, die Jesus nicht durchlitt; spätestens dann, als er geschlagen, gefoltert, verspottet, verlassen und am Ende sogar noch gekreuzigt wurde.
Jesus lebte wie wir und er wurde versucht wie wir.
In der Zeit, die er am Anfang seiner Wirksamkeit in der Wüste verbrachte, versuchte ihn der Teufel an den drei empfindlichsten Stellen, an denen ein Mensch schwach wird. Jesus wurde dazu versucht, seinen Trieben nachzugeben. Als er Hunger hatte, wollte ihn der Teufel dafür gewinnen, aus den Steinen Brot zu machen.
Jesus wurde versucht, vor Menschen Anerkennung zu bekommen. Er sollte zu diesem Zweck von der Zinne des Tempels springen und ein Schauwunder vollbringen. Schließlich wurde er an der menschlichen Gier nach Macht gepackt. Der Teufel wollte ihm alle Nationen der Welt untertan machen.
Jesus war ganz und gar Mensch, aber er hat nie gesündigt. Er hat alle menschlichen Herausforderungen gemeistert und ließ sich niemals zum Bösen versuchen.
Eine bekannte indianische Weisheit heißt: „Richte nie-manden, in dessen Mokassins du nicht wenigstens einen halben Mond, also 14 Tage, gegangen bist.“ Jesus ging in unseren Mokassins. Nicht zwei Wochen lang, sondern 30 Jahre lang. Nichts Menschliches ist ihm fremd, außer der Sünde. Dass Jesus alle Facetten des Menschseins durchgemacht hat und vom Teufel nach allen Regeln der Kunst versucht wurde bedeutet, dass er sich in uns hineinversetzen kann und dass er mitleiden kann. Wir lesen: „Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mitleiden mit unserer Schwachheit.
Was ist die Konsequenz? Sie heißt: „Lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“
Wir bekommen Audienz beim König der Könige. Wir dürfen mit Zuversicht und Freimut näher treten. Mit Dreistigkeit dürfen wir dorthin, wohin vorher kein Mensch sich vorwagen durfte.
Ich denke an einen Besuch im Tower in London. In dieser mächtigen Festung befinden sich die englischen Kronjuwelen. Wer wie sehen will, muss durch viele Gänge und verschiedene Sicherheitssperren hindurch. Aber dann sind sie im inneren der Festung in der Schatzkammer zu sehen.
Ja, wirklich, Schätze liegen für uns bereit, wenn wir vordringen zur Schatzkammer Gottes, zum Thron der Gnade. Diese Schätze werden mit den Worten „Barmherzigkeit“ und „Gnade“ beschrieben.
Jetzt darf ich nähertreten, um Barmherzigkeit zu empfangen.
Jesus war voller Erbamen. Wir hören immer wieder, dass es er voller Barmherzigkeit war, wenn er Blinde, Aussätzige, und Trauernde sah. Es erbarmte ihn. Es jammerte ihn auch, als er viele Menschen sah, wie sie nach ihm suchten. Sie kamen ihm vor wie Schafe ohne Hirten, völlig hilflos und orientierungslos.
Zu Jesus, der auch mit mir selbst so viel Erbarmen hat, möchte ich so gerne gehen. Ich suche seine Nähe. Ich möchte bei ihm sein und ihm wie ein kleines Kind auf dem Schoß sitzen.
Seine Gegenwart und seine Barmherzigkeit spüre ich in mir. In diese erbarmende Gegenwart treten wir ein, wenn wir Gottesdienst feiern. Und sein Erbarmen wird auch spürbar, wenn ich einen Termin mit dem Herrn habe und auf ihn höre beim Bibellesen und mit ihm rede im Gebet.
Ich spüre seine Barmherzigkeit und finde bei ihm Gnade. Gnade ist alles, was ich aus seinen Händen empfange: Vergebung der Schuld, Reinigung von Sünde. Kraft, die Versuchung zu überwinden. Trost in aller Traurigkeit, neuen Mut.
Wer den großen Hohenpriester kennt, ist reich. Wer zu ihm kommt, findet Gnade, aller Not zum Trotz, allen Verstrickungen in Familie, Ehe, an Krankenbetten, in Sterbezimmern zum Trotz, allen menschlichen und über-menschlichen Versuchungen zum Trotz. Johann Albrecht Bengel hat gesagt: „Gott hilft nicht immer am Leiden vorbei, aber durch das Leiden hindurch.“
Wir haben einen großen Hohenpriester.
Er hat die Himmel durchschritten
Wir haben einen großen Hohenpriester.
Er wurde versucht wie wir, doch ohne Sünde.
Im Tempel gab es im alten Israel das Asylrecht. Ein Verfolgter konnte in den Tempel laufen und sich an den Hörnern des Altars festhalten.
Wenn er dort angelangt war, war er in Sicherheit. Niemand durfte ihm etwas antun.
Salomo überträgt das Asylrecht auf Gott und sagt: „Der Name des Herrn ist eine feste Burg; der Gerechte läuft dorthin und wird beschirmt“ (Spr. 18,10)
So möchte ich es machen. Ich möchte immer und immer wieder hinlaufen zu Jesus. Vor ihm liegt alles offen da. Aber ich muss mich nicht mehr verstecken.
Ich darf alles hinlegen. Vor ihm darf ich kapitulieren. Ich werde vor ihm meinen Stolz hinlegen, mich demütigen und mich von ihm abhängig machen. Ich habe nichts zu verlieren. Ich werde nicht mehr Angst davor haben, dass er alles sieht. Ich werde ihm vielmehr danken, dass er alles sieht und mir mit Seiner Barm-herzigkeit und Gnade zuvorkommt. Er nimmt mir was mich quält und gibt mir, was mir fehlt.
Der Thron des Gerichts wird jetzt zum Thron der Gnade. Die Hochspannung zur Energiequelle.
„Wir haben einen großen Hohenpriester“. Gott sei Dank.
Amen