13 1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. 2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. 3 Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.
4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, 5 sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, 6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; 7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
8 Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. 9 Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. 10 Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.
11 Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. 12 Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.
13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
Das Wesen der Liebe
Liebe Gemeinde,
wenn ich sie frage, was ist das Wort der Wörter, was ist der Stoff aus dem die besten Romane sind, worum geht es in den spannendsten Filmen, wovon singen die traurigsten Lieder, ich bin sicher, sie tippen alle richtig: die Romane, die Filme, die Lieder, sie alle handeln von der Liebe. Und richtig spannend ist es dann, wenn es unglückliche Liebe ist.
Und leider ist es nicht nur in den Romanen und in den Filmen so, dass Liebe scheitert, dass zum Drama wird, was glücklich beginnt. Gibt es das überhaupt noch, dass eine Liebesgeschichte zu einem guten Ende führt? Worauf kommt es dabei an? Was ist das Wesen der Liebe?
Paulus beschreibt das Wesen der Liebe in dem Abschnitt, der als das Hohelied der Liebe bekannt ist. Hören wir aus dem ersten Brief an die Korinther, Kapitel 13, die Verse 1 – 13:
13 1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. 2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. 3 Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.
4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, 5 sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, 6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; 7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
8 Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. 9 Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. 10 Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.
11 Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. 12 Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.
13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
Dieser Text hat etwas Poetisches, wie ein Gedicht. Er wird viel zitiert und gerne als Trauspruch genommen. Wenn man verliebt ist, dann kann man diese Verse aus tiefstem Inneren nachsprechen: Die Liebe ist langmütig und freundlich, sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles.
Dieser poetische Abschnitt passt gut zu den romantischen Gefühlen der Verliebtheit. Wir wissen aber, dass solche Gefühle nur begrenzte Dauer haben. Früher oder später holt uns die Realität des Alltags ein und wir reiben uns aneinander. Vieles stört uns am anderen. Mit der Freundlichkeit ist es nicht mehr weit her und die Langmütigkeit wird kurz.
Wenn wir den Zusammenhang betrachten, in dem Paulus diesen Abschnitt geschrieben hat, dann stellen wir fest, dass Paulus nicht ein Gedicht für Verliebte geschrieben hat, auch nicht eine Sammlung an Trausprüchen. Paulus hat es in einer ganz unromantischen Situation geschrieben.
Die Hafenstadt Korinth war damals ein Knotenpunkt für den Warenaustausch und auch für das Kommen und Gehen verschiedener Menschen, Sprachen, Religionen und Weltanschauungen. Korinth, das war das pulsierende Leben. Die Menschen waren offen für Neues, sie waren es gewohnt, Neues auszuprobieren. Diese weltoffene Stadt bot gute Voraussetzungen für die Gründung einer christlichen Gemeinde.
In der Gemeinde von Korinth gab es geistliche Erweckung, es gab Wunder. Ganz besondere Geistesgaben, wie Prophetie oder Zungereden waren an der Tagesordnung.
Aber diese schillernde Welt der Wunder hatte ihre Schattenseiten. Die Christen, die prophetische Gaben hatten, oder die in Zungen reden konnten, die fingen an, sich über andere zu erheben. Sie betrachteten sich als etwas Besseres, weil sie besondere Gaben hatten. Es wurde verglichen und bewertet, es gab Neid und Konkurrenz.
Dieses Vergleichen, was mehr wert ist und wer mehr wert ist, das gab es damals und das gibt es heute. Wir reiben uns an Fragen, was wichtiger ist, Veränderung oder Beständigkeit. Ist es besser, Neues auszuprobieren oder ist das treue Festhalten am Alten und Bewährten richtig? Sind neue Lieder besser als die Alten?
Und wer ist der bessere Christ, derjenige, der seit 30 Jahren zuverlässig und treu in jede Chorprobe kommt, oder derjenige, der Neues wagt, der sich dafür einsetzt, dass die Jungen sich im Gottesdienst wieder finden, dass Klavier und Schlagzeug gespielt wird, statt immer nur die Orgel?
Über ähnliche Fragen hat sich damals die Gemeinde von Korinth gestritten. Die beeindruckenden Geistesgaben, die Wunder, die haben zu Streit und Spaltung geführt. Es wurde gestritten, was wichtiger und was besser ist. Die einen haben auf die anderen herabgesehen. Die Gemeinde ist von innen heraus zerbrochen, wie zerbröselt. Der Zusammenhalt ging verloren.
In seinem Brief an die Korinther, verweist Paulus auf den Zusammenhang der verschiedenen Gaben. Er sagt, es sind viele Gaben, aber ein Geist. Es macht keinen Sinn, die einzelnen Gaben miteinander zu vergleichen.
Die einzelne Gabe ist nutzlos. Erst das Zusammenwirken der verschiedenen Gaben wirkt etwas Gutes.
Paulus gebraucht dazu das Bild vom menschlichen Körper. Es sagt, es sind viele Glieder, aber ein Leib. Das einzelne, vom Leib abgetrennte Glied ist tot und sinnlos. Es macht überhaupt keinen Sinn, zu vergleichen, ob der Fuß wichtiger ist als die Hand.
Auf diesen Vergleich „viele Glieder, ein Leib“ folgt der Abschnitt „die Liebe als die höchste Geistesgabe“.
In diesem Zusammenhang wird verständlich, dass Paulus sagt, die ganzen Geistesgaben, wie prophetisches Reden, Zungenreden oder große geistliche Erkenntnisse, diese beeindruckenden Gaben, die sind nutzlos ohne die Liebe.
In Korinth konnte man sehen, dass die Gaben zu Konflikten und zu Spaltung geführt haben. Damit Christen mit verschiedenen Gaben zusammenleben und zusammenwirken können, damit die Unterschiedlichkeit zur Bereicherung und nicht zur Trennung wird, dazu braucht es eine vereinende Kraft. Eine Kraft, die alles durchzieht und vereint.
Diese Kraft ist die Liebe. Liebe vereint die Unterschiedlichkeit. Liebe verbindet. Liebe verbindet unterschiedliche Menschen zu einer Gemeinschaft.
Das erlebt jedes Ehepaar. Um in aller Verschiedenheit miteinander auszukommen braucht es Liebe. Denn irgendwann stören die Unterschiede. Man hat unterschiedliche Vorstellungen. Der eine kann Fünf gerade sein lassen, der andere hat keine Ruhe, solange nicht alles ordentlich aufgeräumt und das ganze Haus geputzt ist. Man kann sich aufreiben mit Diskussionen darüber, was wichtig ist und was nicht.
Man kommt nur miteinander aus in der Haltung: Weil es dem anderen wichtig ist, ist es auch mir wichtig, auch wenn ich selbst den Schwerpunkt an einer anderen Stelle legen würde. Und so findet man sich in der Mitte.
Das Grundprinzip der Liebe ist dieser Sinn für das Ganze, den Paulus mit dem Leib und seinen Gliedern vergleicht: Wir sind alle Glieder an einem Leib, wir sind Teil eines Ganzen.
Gliedmaßen können nicht existieren ohne die Verbindung zum Blutkreislauf des Körpers. Nur wenn sie Teil des Körpers sind, könne sie leben.
Das Wesen der Liebe ist, dass wir uns als Gliedmaßen an einem Körper verstehen, als Teil des Ganzen. Dieses Verständnis verändert unsere Ziele.
Es geht dann um das Wohl des Ganzen, nicht um unseren egoistischen Vorteil. Es geht uns gut wenn es der Gemeinschaft gut geht. Was der Gemeinschaft gut tut, das tut uns gut.
Wir sind Teil einer Gemeinschaft, Teil der Schöpfung Gottes, von ihm gewollt und geliebt. Gott hat uns gewollt und er liebt uns. Er vergibt uns alle Fehler. Das ist der Grund, dass wir uns selbst und andere Menschen lieben.
Wir haben es vorhin in der Schriftlesung gehört. Jesus sagt von der Frau: Weil ihr viele Sünden vergeben sind, deswegen liebt sie viel. Mit dem Salben der Füße drückt sie ihre Dankbarkeit aus. Sie muss sich dazu nicht zwingen, es kommt von innen heraus, es drängt sie.
Wir dürfen uns geliebt wissen, wir sind Teil der Schöpfung Gottes, wir sind Teil der Gemeinschaft aller Menschen, die er geschaffen hat, die er liebt. Dies zu wissen, ist wie vom Blutkreislauf des Körpers durchflossen werden.
Gott ist freundlich zu uns, deswegen können wir freundlich zu anderen Menschen sein. Er hat Geduld mit uns, deswegen können wir Geduld mit anderen haben.
In den Evangelien finden wir diese zwei Gruppen von Menschen. Die einen, die sich anstrengen, alles richtig zu machen, die hart mit sich selbst sind und die noch viel härter mit anderen umgehen. Ihre Gerechtigkeit ist ohne Liebe und hart.
Die anderen sind die Menschen, die gescheitert waren, die vieles falsch gemacht hatten. Sie erfahren die Liebe Gottes, die Vergebung, die Geduld und Freundlichkeit Gottes.
Und weil sie viel Liebe erfahren haben, lieben sie selbst. Weil sie nicht mehr anders konnten als die Vergebung und die Geduld Gottes in Anspruch zu nehmen, vergeben sie anderen und sind sie geduldig mit anderen.
Wir tragen beide Gruppen in uns. Wir können selbstgerecht, lieblos und hart und verurteilend sein oder wir können die Unvollkommenheit der Menschen mit dem Mantel der Liebe bedecken.
In Yad Vashem, der Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust in Jerusalem, da hängt eine Bilderserie. Diese zeigt, wie während des Krieges in einer Stadt in Osteuropa eine Horde Männer eine jüdische Frau jagt.
Die Frau ist nackt. Sie haben ihr die Kleider vom Leib gerissen und jagen sie durch die Straßen.
Von der Horde Männer eingekreist fällt die Frau und liegt am Straßenrand. Eine ältere Frau sieht es, zieht ihren Mantel aus und wirft ihn über die nackte Frau auf dem Boden.
Das ist Liebe: Die Nacktheit, die Schwächen, die Fehler anderer Menschen mit dem Mantel der Liebe zudecken.
Es gäbe genug, was wir aneinander kritisieren und verurteilen könnten. Wir alle haben Fehler, die uns wie nackt machen.
Jagen wir einander durch die Straßen oder decken wir die Fehler der anderen mit dem Mantel der Liebe zu?
Gott, der alles sieht, vor dem wir alle wie nackt stehen, er hat alle unsere Fehler mit seiner Liebe zugedeckt.
Nehmen wir es an und danken wir ihm dafür, indem wir das gleiche tun.